everydaily life · living the American way ^^

Aus dem Land der Höflichkeit…

…gibt es viel zu berichten. Denn der Amerikaner (oder soweit ich bisher feststelle, der Ohio-aner) ist ja grundsätzlich und in erster Linie höflich. Oberste Maxime: Be polite! Es handelt sich hierbei jedoch nicht um die, sagen wir mal, zurückhaltende, bescheidene, zuweilen etwas scheue Höflichkeit gegenüber völlig unbekannten Menschen, wie ich sie aus meiner Heimat kenne. Es ist eine sehr aktive Höflichkeit!

So ist es beispielsweise schier unmöglich, sich in einem Supermarkt (meist mit Einkaufswagen) zu bewegen, ohne ein bis zweimal (in der Regel eher fünf bis zehnmal) ein ‘oh, excuse me!’ zu ernten. Je nach Supermarkt sagen das die Kunden  und Kundinnen hier zueinander wenn sie ihre Einkaufswagen mit einem halben, zwei oder drei Metern Abstand aneinander vorbeischieben. Manchmal – selten – kommt es tatsächlich vor, dass jemand mit seinem Wagen den großzügig gestalteten Supermarktgang versperrt (wie rücksichtslos und unhöflich!), so dass ein ‘Verzeihung’ nach meinem Ermessen angebracht und nachvollziehbar wäre. In der Regel dienen diese zweieinhalb Worte jedoch einer mysteriösen, geheimen, kulturinternen Kommunikation, die mir noch nicht so ganz verständlich sein will…

Eine weitere Ausprägung aktiver Höflichkeit, ja eine zusätzlich sehr gezielte, persönliche, völlig unerwartete, überraschende ist das Komplimentieren von

  • Kleidung
  • Accessoires (Tasche/Schmuck etc.)
  • Akzent
  • den Kindern
  • Dingen, die ich noch erkunden muss

Ich habe heute den SUV meiner Schwiegermutter für 15 US-Dollar fast ganz voll getankt…aber das nur am Rande. In der Tankstelle befanden sich außer mir noch drei andere Personen. Die Kundin hinter mir teilte mir mit, wie sehr sie meine Mütze mag (nun gut, das IST eine coole Mütze) ‘Oh, I really like your hat!’

Und während ich noch gedanklich abwäge, ob das jetzt eine Einladung zum Smalltalk war, und ich zu meinem passiv-höflichen ‘Oh, thank you!’-Lächeln etwas hinzufügen sollte, oder ob ich ihr erzählen sollte, dass ich die Mütze in Polen gekauft habe aber eigentlich Deutsche bin, bin ich auch schon an der Reihe und verlange meine ’15 Dollar on pump 4 please’. Woraufhin die Kassiererin mir mitteilt, wie ‘cute’ sie meinen Akzent findet. Was bleibt mir, als ebenfalls ein ‘thank you’ und ein Lächeln zu erwidern und das Gefühl eines peinlichen Schweigens zu ertragen. Sollte ich ihr sagen, dass ich aus Germany bin und erst letztes Jahr hier her gezogen? Oder doch lieber einen Witz, sowas wie…’it tuck mieh ä long taim to präktiß, juh noh?’ Ich kann mich nicht entscheiden und wertvolle Sekunden verstreichen.

Vermutlich war ich mit diesem Unwohlgefühl jedoch allein. Denn amerikanische Höflichkeit kommt so ganz natürlich und unbefangen daher, sie ist eine so unwegdenkbare Hintergrundmelodie des alltäglichen Sich-Begegnens, dass man sie eigentlich nur liebgewinnen kann. Vielleicht muss man sie gar nicht verstehen.

Mit vollem Tank und warmer Mütze habe ich dann an der allwöchentlichen Häkelrunde im Wollelädchen teilgeommen. Eine der Frauen zog am Ende selbiger ihren unerwartet schicken Mantel an. Ja, ich fand ihn wirklich schön. Eine Flut von Widersprüche in meinen Gedanken – sollte ich das verbalisieren? Doch leider, der rechte Moment verstrich, ich sagte nichts – dieses Mal – und verblieb mit einem ‘bye and have a good night!’

Höflich – zurückhaltend, bescheiden und zuweilen etwas scheu, so wie ich sozialisiert wurde. Aber ich arbeite dran 🙂

 

die Auswandererin

 

 

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